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Text Wolf Guenter Thiel D/E

Sabine Aichhorn und die Downtown von L.A.

Die Skyline von Downtown Los Angeles ist eine der meistgefilmten Stadtsilhouetten überhaupt; dies gilt insbesondere für die Nachtansicht. Hierbei wissen wir als Betrachter kaum etwas über diesen Stadtteil Downtown Los Angeles als solchen. Wir erinnern uns lediglich an Geschichten die David Lynch in „Mullholland Drive“, Michael Mann in „Heat“, Paul Thomas Anderson in „Magnolia“ oder Wim Wenders in „The Million Dollar Hotel“ und viele andere dort teilweise ansiedeln. Was wir also in Erinnerung behalten haben ist die Stadtsilhouette der so genannten Traumstadt Los Angeles.

Sabine Aichhorn ist an der Downtown von Los Angeles interessiert, an der vertical city der Skyskraper, im Gegensatz zu dem was Los Angeles eigentlich auszeichnet, nämlich die über viele Quadratkilometer vorherrschende Niedrigbebauung, die ihr die Bezeichnung horizontal city einträgt. Die Künstlerin baut diese vertical city, die aus relativ wenigen Wolkenkratzern besteht, nach. Sie ist das eigentliche Objekt ihrer künstlerischen Arbeit. Sie rekonstruiert die Hochhaussilhouetten aus Plexiglas und belegt sie mit privaten und nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Filmkadern. Dieses Modell beleuchtet sie und simuliert hierdurch eine nächtliche Stadtsilhouette, die sie wiederum in verschiedenen Blickperspektiven fotografiert. So entstehen Fotos der Silhouette, einzelner architektonischer Zusammenhänge und hoch aufgelöste  Fotos, die die Kader und das abgebildete Geschehen abbilden. Hierbei geben die Kader der Filmstreifen die Raster der Architektur wider und erzeugen den Eindruck von Fenstern. Hiernach filmt sie das aus Super-8 entstandene Architekturensemble in 16 mm und baut es noch einmal mit diesem Filmmaterial und wiederholt den selben Vorgang. So entstehen noch einmal Photographien und ein Film des Modells.

Sabine Aichhorn interessiert sich für die Silhouette als Symbol der Traumstadt des Kinos, der Fernseh- und der Musikproduktionen und nicht für das reale Produktions-, Handels-, Transport- und Finanzzentrum in der Downtown der Millionenstadt. Symbol, verstanden als "Sinnbild" oder "Bedeutungsträger", einer durch das Kino vermittelten Vorstellung. In diesem Sinne wird die Stadtsilhouette zum ikonischen, das heißt bildhaften Zeichen. Hierbei lässt sich seine Bedeutung nicht rational übersetzen oder interpretieren. Das Symbolhafte der Stadtsilhouette enthält einen Bedeutungsüberschuss, dem die Künstlerin sich in ihrer Arbeit widmet.  Dieser abstrakte Bedeutungsüberschuss wird oft auch als Mythos beschrieben. Dieser Mythos liefert den Prospekt für die Arbeit.
  
Der Philosoph und Theoretiker Jean Baudrillard  schreibt unter anderem über das Verhältnis zwischen Realität, Symbolen und der Gesellschaft. Seine Theorie ist bekannt dafür, das sie untersucht wie Bilder und Zeichen unsere Wahrnehmung beeinflussen. In unserem Falle erfahren wir nichts über die Realität von Downtown Los Angeles, sondern eine medial vermittelte Version, die uns von der Kulturindustrie Hollywoods geboten werden. In seinen frühen Schriften der 60er und 70er Jahre untersucht Baudrillard die symbolische Funktion von Gebrauchsgegenständen, die „reine Zeichen“ seien. Um wie viel mehr trifft dies auf ein visuelles Essential Hollywoods zu. Dieses Essential wird von Sabine Aichhorn dekonstruiert, das heißt durch die Verwendung von realem Filmmaterial, seien es Super-8, 16mm oder 35 mm differenziert. In dem Super 8 Modell werden private Filme verwendet, die sich mit der Lupe als solche erkennen lassen. Es wird also innerhalb der symbolischen Matrix ein persönliches und privates Anschauungsmaterial verwendet und veröffentlicht. Dieses Material entspricht nicht der Simulationszuschreibung Baudrillards. Sie dekonstruiert seine Theorie der „Simulation“. Seine Theorie diagnostiziert, dass heute die Bilder der Wirklichkeit, die vor allem über die Massenmedien vermittelt werden, wichtiger und wirklichkeitsmächtiger geworden sind als die Wirklichkeit selbst. Die durch die Medien simulierte Welt ist zur Scheinwelt, zum Simulakrum geworden, die in Form einer Hyperrealität die wirkliche Welt zunehmend verdrängt. Er betont, dass es unmöglich sei, Medien gesellschaftskritisch zu verwenden. Bereits ihre technische Struktur als starrer Sender ohne Kommunikationsmöglichkeit nach beiden Seiten mache sie unweigerlich zu Instrumenten der Macht.

Baudrillard spricht in diesem Zusammenhang von einer medialen „Rede ohne Antwort“, durch welche die eigene Tätigkeit der Konsumenten verhindert werde. Die Künstlerin antwortet auf die mediale Wirklichkeit, indem sie die Stadtsilhouette nachbaut und die These veranschaulicht und gleichzeitig positiv beantwortet, indem sie die Filmkader, von persönlichen und privaten Filmen als Matrix der Arbeit verwendet. Die Zeichencodes der modernen Städte –so Baudrillard- der Werbung und der Medien, geben nur noch vor, entschlüsselbare Botschaften zu sein. Genau dies haben wir mit dem Bedeutungsüberschuss und dem Mythos Los Angeles beschrieben. Indem die Künstlerin die privaten Filme zum Definitionsmoment der Matrix der Stadtsilhouette macht, versöhnt sie in ihrer Arbeit die Stadtsilhouette mit dem persönlichen und privaten Moment des Betrachters. Hierdurch wird das Signifikat zum Signifikant und somit ins Oppositionsverhältnis zum medial vermittelten Symbol gesetzt. Indem sie diese mit Super-8 Filmen gebaute Stadtlandschaft wiederum mit 16 mm abfilmt und diese erneut zum Ausgangsmaterial für die gleiche Stadtsilhouette macht geht sie diesen Weg konsequent weiter. Diese sehr gleichmäßigen Raster erzeugen und verstärken den Eindruck einer Matrix. Aichhorn spielt auf diese durch die Kulturindustrie Hollywoods suggerierte Matrix an und subvertiert sie, indem sie eigenes privates und nicht für die Öffentlichkeit produziertes Filmmaterial zur Grundlage nimmt und dieses Modell dann noch einmal abfilmt und wiederum fotografiert. Mit Hilfe der Fotografie erreicht sie im Modellzusammenhang eine zusätzliche Bedeutungsebene, die hinter den Fassaden und Klischees das Private freilegt und präsentiert.

Modelle von Realität werden zunehmend zur Allegorie dergleichen. Dies führen Künstler wie Thomas Demand, Won Ju Lim oder Yuan Shun im Rahmen der Ablichtung von skulpturalen Modellen vor. Anders als Baudrillard haben sie ein weniger fatalistisches Verhältnis zur Idee, zu den Möglichkeiten und zur Ästhetik des Modells. An Stelle der Melancholie angesichts einer verlorenen Ursprünglichkeit oder "Realität" tritt das selbstbewusste, eindrucksvolle Bilder hervorbringende Spiel mit Modellen der Wirklichkeit. Die Fotografien, Projektionen und Installationen der Künstler setzen Modelle ein, als Zugang zu Welt, als Instrument von Wahrnehmung und Erkenntnis. Das Kunstwerk als das "künstliche" Bild oder als Modell ist einmal mehr Schnittstelle, Mittler zwischen Betrachter und einer imaginären, nichtsdestotrotz "realen" Welt. Das Modell ersetzt oder überlagert nicht die Realität, wie die "enttäuschten Heilsverkünder der Postmoderne", so Beat Wyss annehmen, es ist vielmehr Teil eines umfassenden Prozesses der Wirklichkeitsbildung - eine Wirklichkeit, die in Bildern, in Kunstwerken real wird. Dies tut Sabine Aichhorn ebenfalls und fügt dem Diskurs den wesentlichen Moment der Filmbetrachtung im und als Modell hinzu.



Sabine Aichhorn and Downtown L.A.

The skyline of downtown Los Angeles, especially at night, is one of the most filmed cityscapes. And yet we, the audience, know barely anything about this part of the city as such. We only remember the stories of David Lynch’s Mulholland Drive, Michael Mann’s Heat, Paul Thomas Anderson’s Magnolia or Wim Wenders’ The Million Dollar Hotel and many others which are set in downtown Los Angeles. What we also remember is the skyline of Los Angeles, the ’City of Dreams.’ 

Sabine Aichhorn is interested in downtown Los Angeles, in the vertical city of skyscrapers rather than the flat buildings stretching across many square miles which dominate the landscape and gained Los Angeles the name of the horizontal city. The artist recreates this vertical city which consists of a relatively small number of skyscrapers. It is the actual object of her artistic work. She reconstructs the silhouettes of high-rises out of perspex and covers them in frames taken from private film footage. The model is illuminated, thus simulating a nightly cityscape, and then photographed from different angles. The results are high-resolution photographs that both highlight separate architectural relationships and depict clearly the content of the separate film frames. The arrangement of film material reproduces the architectural outlines and evokes windows. Sabine Aichhorn then records the architectural ensemble, originally created from Super-8 film, onto 16mm film and rebuilds the model with the newly created material, photographing it again. Thus, more photographs and a film of the model are produced. 

Sabine Aichhorn is interested in the silhouette as a symbol for the ’City of Dreams’; the city of cinema, TV and music production rather than the actual production, trade, transport and financial center based in downtown L.A. A symbol, allegory or carrier of meaning created in the cinema. In this sense, the cityscape becomes an iconic, pictorial sign. Its meaning is not to be rationally translated or interpreted. The symbolism of the cityscape contains an excess of meaning to which the artist dedicates her work. This abstract excess of meaning is often referred to as myth. It is this myth that informs her work. 

Philosopher and theorist Jean Baudrillard writes, among other topics, on the interrelation of reality, symbols and society. His work is known for its exploration of the ways in which images and signs influence our perception. In our case we do not actually learn anything about the reality of downtown Los Angeles, but about a mediated version, provided by the culture industry of Hollywood. In his early writings from the 1960s and 1970s Baudrillard explores the symbolic function of everyday objects which are ’pure signs’. How far does this apply to the visual essence of Hollywood? Sabine Aichhorn deconstructs this essence through her use of actual film material, be it Super-8, 16mm or 35 mm. In the Super-8 model private film footage, identifiable with a magnifying glass, is employed to insert personal and private material into the symbolic matrix. Since Baudrillard’s terms do not apply to this specific material she deconstructs his theory of ’simulation’. Baudrillard claims that images of reality, disseminated by the mass media, have become more significant and powerful, even more real, than reality itself. The world, simulated through mediation, has turned into a simulacrum, which, in form of a hyperreality, increasingly colonizes the real world. He stresses the impossibility of using the media in a socially critical way. As the media is structured as a sender, without the possibility for two-way communication, it inevitably becomes an instrument of power. 

In the same context, Baudrillard speaks of a media ’speech without reply’ through which any activity of the consumer is forestalled. As the artist reconstructs the cityscape she both illustrates and replies positively to this claim by using personal and private footage inside its matrix. According to Baudrillard, the codes of modern cities, of advertising and the media, only pretend to be decipherable messages. This is what we have called the excess of meaning and the myth of Los Angeles. By making private film material the defining aspect of the cityscape’s matrix, Sabine Aichhorn reconciles the cityscape with the personal and private moment of the viewer. The signified thus turns into the signifier and is placed into an opposition to the mediated symbol. As she records the cityscape made of Super-8 material onto 16mm and uses the new material to build the same model again, she continues on that path. The similar patterns evoke and strengthen the notion of a matrix. Aichhorn refers to the matrix suggested by Hollywood and subverts it through her artistic practice. In the context of the model, photography functions to create an additional layer of meaning which uncovers and presents the private behind the facades and cliches. 

Models of reality increasingly turn into allegories of the same. This is demonstrated by artists such as Thomas Demand, Won Ju Lim or Yuan Shun as they create photographic images of sculptural models. Unlike Baudrillard, they have a less fatalistic view on the idea; on the potential and the aesthetics of the model. A self-confident play with models of reality resulting in impressive images takes the place of melancholy for the loss of authenticity and ’reality’. The photographs, projections and installations of these artists employ models as an access to the world, as instruments of perception and knowledge. The work of art as ’artificial’ image or model becomes a nodal point, a mediator between the viewer and an imaginary, yet ’real’ world. The model does not replace or superimpose itself on reality, it rather forms part of an encompassing process of creating reality – a reality which becomes real in images and works of art. In doing so, Sabine Aichhorn’s work adds to this discourse the significant moment of spectatorship on a conceptual and practical level.